JOSEF WINKLER, MdB

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Dienstag, 7. Februar 2012

07.11.2008: 

Ohne Zivilcourage helfen Aktionen nicht

Rechtsextremismus im Fußball findet bis hin zu Jugendspielen statt - Expertenrunde in Koblenz

KOBLENZ. Es gibt ihn immer noch, den Rechtsaußen im deutschen Fußball, er spielt nur in einer anderen Klasse und hat dazugelernt. Oder, um es in den Worten des Experten zu sagen: "Der Rechtsextremismus ist aktuell wie eh und je." Mit diesem Satz leitete Professor Dr. Gunter A. Pilz von der Leibniz-Universität Hannover seine Feststellungen zum Thema "Fußball geht auch ohne Rechtsaußen" in der Sportschule Oberwerth ein.

Dorthin hatten Bündnis 90/Die Grünen Rheinland Pfalz eingeladen - ein Novum. Erstmals, so betonte Josef Hens, Vizepräsident des Fußballverbandes Rheinland, war der FVR Gastgeber einer Veranstaltung, zu der eine politische Partei eingeladen hatte. Was wiederum zeigt, wie wichtig den Grünen wie dem Fußballverband das Thema Rechtsextremismus im Fußball ist. Und in Professor Pilz, Vorsitzender der DFB-Expertengruppe "Für Toleranz und Anerkennung, gegen Rassismus und Diskriminierung", sprach einer der profiliertesten Kenner dieser Thematik vor einer Zuhörer-Runde, die gern größer hätte sein können. Denn am Ende der gut zweistündigen Veranstaltung stand die Erkenntnis, dass gerade Vertreter unterklassiger Vereine sowie Betreuer von Jugendmannschaften wichtige Adressaten der Experten-Botschaft sind. Weil Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus vermehrt im weniger kontrollierten Fußball-Bereich bis hin zu Jugendligen stattfindet.

Ex-Generalstaatsanwalt Norbert Weise, stellvertretender Vorsitzender des DFB-Kontrollausschusses und Vorsitzender des FVR-Verbandsgerichtes, nannte 16 Fälle im FVR-Gebiet, davon die Hälfte im Jugendbereich - was bei 80 000 Spielen nicht eben viel ist, trotz wahrscheinlich beachtlicher Dunkelziffer. "Bei uns ist längst nicht alles hundertprozentig, aber wir haben keine Verhältnisse wie in einigen ostdeutschen Ländern", stellte Weise fest. Tatsächlich ist der - offene wie verdeckte - Rassismus in den Stadien der neuen Bundesländer ausgeprägter, Professor Pilz bestätigte ein Ost-West-Gefälle. Der Zusammenhang mit den Lebensbedingungen Jugendlicher im Osten ist offensichtlich, die Stichworte lauten Enttäuschung, Zukunftsangst und allgemeine Unzufriedenheit mit dem politischen System. Professor Pilz: "Fußball ist ein Brennglas gesellschaftlicher Probleme."

In den Bundesligen greift die Kontrolle. Gepöbelt wird dort allenfalls vor den Stadien oder auf Zufahrtswegen. Subtiler Rechtsextremismus bedient sich der Insider-Symbole, eines Dresscodes oder rechten Lifestyles. Wo Vereine sich eindeutig positionieren, zum Beispiel mit einer Hausordnung, sind die Probleme geringer, im Gegenzug entwickelt Untätigkeit eine Sogwirkung. Entscheidend ist aber nicht nur das Verhalten der Klubs, sondern auch der Fans. Die spielen bei der Entwicklung von Gegenstrategien eine gewichtige Rolle, Gunter Pilz forderte entsprechend eine nachhaltige Unterstützung der Selbstregulierungsmechanismen aus der Fanszene. Wenn es funktioniert, ist es eine Ergänzung repressiver ordnungspolitischer Maßnahmen. Ausgrenzen und integrieren lautet das Motto, denn wenn Jugendlichen nur die Flucht bleibt, rennen sie in die Arme der Rechten.

Auch die Politik ist bei der Unterstützung positiver Fanprojekte gefordert, wie der Koblenzer Grünen-Bundestagsabgeordnete Josef Winkler bei seinem Bericht über die Bekämpfung des Rechtsextremismus in der politischen Arbeit betonte.

Ohne die von Grünen-Landesvorstandssprecher und Moderator Nils Wiechmann in der Schluss-Diskussion angemahnten Zivilcourage helfen freilich alle gut gemeinten Aktionen nichts. "95 Prozent sind dagegen und tun nichts", so Professor Pilz. Zu Hause ärgern sie sich dann darüber.

Thomas Wächtler

Rhein-Lahn-Zeitung - Ausgabe Bad Ems, Lahnstein vom 07.11.2008, Seite 15.

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