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JOSEF WINKLER, MdB
11.06.2013: 

Preisträgerin ist „high“ von Emser Pastillchen

Artikel in der RHEIN-ZEITUNG

„Bei meiner Vorbereitung auf diese Laudatio habe ich nur begeisterte Kritiken über die Preisträgerin gefunden“, sagte Josef Winkler, der Intendant des Kabaretts CasaBlanca, und fügte in der ihm eigenen unwiderstehlich-charmanten Art hinzu: „Die Rheinzeitung wird sich verdammt anstrengen müssen, damit sie nicht ins Hintertreffen gerät.“

Da juckt es einen geradezu in den Fingern, mal einen ordentlichen Verriss zu fabrizieren. Das Problem dabei ist nur: So sehr man auch nach dem Haar in der Suppe sucht oder Erbsen zählt, Luise Kinseher, die diesjährige Preisträgerin der „Emser Pastillchen für zwei Stimmbänder“, lässt einen erbarmungslos ins Messer laufen. Ein paar Sekunden „Kinseher kimmt!“ genügen, um zu ahnen: Die hat den „wahrscheinlich schönsten Kabarettpreis nördlich des Äquators“ (O-Ton Josef Winkler) tatsächlich verdient!

Womit? Mit politischem Kabarett, Comedy oder Slapstick? Von allem hat die Kabarettistin ein bisschen im Angebot, mixt daraus ihren Spezial-Cocktail Marke Kinseher, kommt mal als des Volkes scharfsichtige Stimme, mal als naiv plapperndes Dummchen, immer aber urkomisch und vor allen Dingen urbajuwarisch daher. Da steigt die in Geiselhöring nahe Straubing Aufgewachsene mit kräftigem Dankes-Jodler in ihr Programm ein. Da nimmt sie hinterfotzig die Verhältnisse im Freistaat aufs Korn: „Sicher ist es nicht in Ordnung, was der Uli Hoeneß gemacht hat. Aber dass er erwischt worden ist, zeigt doch, dass wir in Bayern Fortschritte machen. Unter Strauß hätte es das nicht gegeben.“

Dann schlüpft sie in einer urkomischen Reminiszenz an den soeben erhaltenen Preis in die Rolle des bajuwarischen Vollblutweibs Maria, das nach einer gewaltigen Überdosis Emser Pastillen völlig high ist und nun beschickert den Beipackzettel studiert. „Gegenmaßnahmen sind nicht erforderlich“, liest sie lallend mit Blick auf den in der ersten Reihe sitzenden Geschäftsführer des Pastillen-Herstellers und Kabarettpreis-Sponsors Siemens und Co., Olaf Hirsch, vor – und kommt triumphierend zu dem Schluss: „Das ist die Botschaft des Abends: Emser Pastillen sind selbst dann noch harmlos, wenn man 300 Stück auf einmal einnimmt.“

Enorm die Wandlungsfähigkeit der Künstlerin, die innerhalb von Sekunden praktisch nur mit Mimik, Gestik und Sprache zwischen ihren Rollen hin- und herschwenkt – und beweist, dass sie mehr drauf hat, als bloß mit ihrer niederbayerischen Herkunft zu kokettieren. Denn man mag’s kaum glauben, aber Luise Kinseher beherrscht auch Hochdeutsch: In der Rolle der gouvernantenhaften, näselnden Helga Freese, die ihren Ehemann ebenso fest im Griff hat, wie sie klarsichtig Banken-Crashs und andere bedeutende Ereignisse analysiert, entfaltet die Kabarettistin eine weitere Facette ihres Könnens.

Das Weltgeschehen auf minimalistisches, allzumenschliches Niveau herunterzubrechen, ist überhaupt eine Spezialität der Kinseher. Noch nicht einmal der Weltuntergang ist sicher vor ihr. „Der fängt ganz harmlos an“, behauptet sie mit unergründlicher Miene. „Zuerst bekommt Baden-Württemberg einen grünen Ministerpräsidenten. Nach der Apokalypse wird’s dann wieder ruhiger. U-Bahnen gibt’s natürlich keine mehr. Aber das kann Ihnen in Bad Ems ja wurscht sein, denn Sie haben sowieso keine.“

Selbst wenn sie die von öko-romantischen Vorstellungen umnebelte Aussteigerin mimt, geht das bei Kinseher nicht ohne den ultimativen Schlenker zum Bodenständigen und Drastisch-Alltäglichen ab. „Ne Alm, ne Hütte und ne Kuh – mehr brauch ich nicht zum Glücklichsein“, argumentiert sie, bevor es ihr entfährt: „Na gut, vielleicht noch ne Espressomaschine.“

Es ist gar nicht so einfach, Kinsehers Humor treffend zu beschreiben. Ist er derb oder dezent, schrill oder subtil? Irgendwo dazwischen wahrscheinlich. Kabarett mit Luise Kinseher – das ist ein entschiedenes „Sowohl als auch“, eine originäre Mischung aus bajuwarischer Bauernschläue und tiefsitzendem, feinsinnigem Schalk. Dass sie ihren neuen Freund, den Preis, mit nach Hause nehmen durfte („Der spricht mit mir, auch wenn die Kuh mal nicht mehr mag“), sei ihr jedenfalls von Herzen gegönnt. Denn, um es hier nochmals einzugestehen: Sie hat ihn verdient!


Rhein-Lahn-Zeitung Bad Ems vom Dienstag, 11. Juni 2013, Seite 19

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