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JOSEF WINKLER, MdB
08.01.2013: 

Fremdenhass mit Zivilcourage begegnen

Interview mit Josef Winkler in der RHEIN-ZEITUNG

Rassismus, Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit – im Zusammenhang mit der Mordserie der rechtsradikalen Zwickauer Zelle, der zehn Ausländer zum Opfer fielen, ist eine Diskussion in Deutschland entbrannt, die eines deutlich zu machen scheint: Rassismus ist nicht nur in den Köpfen einiger radikalisierter Gewalttäter vorhanden, sondern er reicht bis tief in die Gesellschaft hinein. Unsere Zeitung sprach mit dem hiesigen Bundestagsabgeordneten Josef Winkler (Grüne) über die Problematik. In seinem persönlichen Umfeld erlebt der Bundespolitiker mit indischen Wurzeln kaum Ansätze von Fremdenfeindlichkeit. Da, wo sie auftritt, muss man ihr aber mit Entschiedenheit und Zivilcourage begegnen, fordert der 38-Jährige.

Herr Winkler, wann und wie sind Sie zuletzt wegen Ihres Äußeren Fremdenfeindlichkeit begegnet?

Ich selbst habe glücklicherweise schon länger keine solchen Erlebnisse gehabt. Ich erinnere mich jedoch noch gut an die Fußball-EM, bei der in Neuwied beim Public Viewing dunkelhäutigen Schülern der Zugang verweigert wurde, oder an die häufigen Klagen über Polizeikontrollen aufgrund dunkelhäutigen Aussehens, die mein Büro erreichen.

Wenn von Fremdenfeindlichkeit die Rede ist, dann meist im Zusammenhang mit Rechtsradikalismus. Aber geht diese Haltung nicht bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein?

Das ist tatsächlich ein brennendes Problem. Studien belegen, dass jeder Vierte in Deutschland zumindest ausländerfeindliche Tendenzen zeigt. Bei Antisemitismus sieht es noch düsterer aus. Das kann uns nicht kalt lassen.

Woraus resultieren diese Vorbehalte gegenüber dem vermeintlich Fremden?

Oft hängt das mit der Unzufriedenheit über die eigene Perspektivlosigkeit zusammen, hier liegt daher ein wichtiger Ansatzpunkt. Untersuchungen zeigen außerdem, dass Ausländerfeindlichkeit besonders in Gebieten verbreitet ist, in denen nur sehr wenige Ausländer leben. Das Bild, das diese Menschen von Ausländern haben, wird also nur von Menschen wie Thilo Sarrazin dominiert, die Probleme an Rassen und Religionen festmachen und soziale Ausgrenzung und sonstige Probleme unbeachtet lassen. Positive Gegenbeispiele werden in den bundesweiten Medien selten berichtet, obwohl es sie in Massen gibt.

Wie sieht es in Ihrem unmittelbaren Lebensumfeld aus? Wo sehen Sie dort Anzeichen von Fremdenfeindlichkeit? Und wie wird dem dort begegnet?

Ich fühle mich in meiner Heimat wohl. Die sehr niedrigen Wahlergebnisse rechtsradikaler Parteien deuten darauf hin, dass im Großen und Ganzen bei uns nicht viel verkehrt läuft. Da wo es Probleme zwischen den Einheimischen und den Eingewanderten gibt, muss natürlich die Kommunalpolitik zeitnah handeln. Ich sehe hier keine Defizite.

Was muss sich in der Gesellschaft grundsätzlich ändern, um Fremdenfeindlichkeit den Nährboden zu entziehen?

Wir brauchen eine Politik und eine Kultur des Hinsehens und des Einmischens. Fremdenfeindliche Tendenzen dürfen nicht verharmlost oder ignoriert werden. Problematischen Entwicklungen muss dabei konsequent entgegengetreten werden. Zum Beispiel versuchen Neonazis, die biologische Landwirtschaft zu unterwandern. Vorbildlich sind hier Initiativen wie die des Ökoanbauverbandes Bioland, der seine Satzung geändert hat, um rechtsradikale Bauern ausschließen zu können beziehungsweise gar nicht erst im Verband aufzunehmen. Zugleich muss eine intensive Integrationspolitik stattfinden, um Spannungen gar nicht erst auftreten zu lassen.

Was kann und was muss die Politik in Ihrer Heimat, dem Rhein-Lahn-Kreis, im Umgang mit diesem Thema tun?

Es gibt ja verschiedene Projekte, einige davon richten sich an Schüler, was ich sehr sinnvoll finde. Zu nennen sind hier zum Beispiel die Veranstaltungsreihe „Rechtsextremismus im Alltag“ und auch die Informationskampagne der Polizei „Wölfe im Schafspelz“, die sich ebenfalls an Schüler wendet. Für solche und ähnliche Projekte gibt es Fördermittel, um die sich auch Bürgerinitiativen, Vereine oder die Kirchen bewerben können. Politiker können und sollten immer, wenn fremdenfeindliche Aussagen getätigt werden, konsequent widersprechen. Das Gleiche gilt für den Sport. Letztlich kann die Politik aber nur die Richtung vorgeben, jeder Einzelne ist gefragt, das Gleiche auch im persönlichen Umfeld zu tun.

Die Fragen stellte Hans Georg Egenolf


(Rhein-Zeitung vom Dienstag, 8. Januar 2013)

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