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JOSEF WINKLER, MdB
12.10.2008: 

Ein Schatten über den Beziehungen

Interview in Glaube und Heimat

In einer Welle von Gewalt gegen Christen wurden im indischen Bundesstaat Orissa bisher mindestens 50 Menschen getötet, Tausende befinden sich auf der Flucht. Unser Berliner Korrespondent Benjamin Lassiwe sprach dazu mit dem Bundestagsabgeordneten Josef Winkler (Bündnis 90/Die Grünen).

Herr Winkler, wie schätzen Sie die ­Situation in Orissa ein?

Winkler: Alles, was ich aus Orissa hö­re, lässt auf eine durchaus kritische Situation schließen. Schon Weihnachten 2007 wurden dort die ersten Kirchen in Brand gesteckt, mittlerweile sind tausende Menschen auf der Flucht. Als Vorsitzender der deutsch-indischen Parlamentariergruppe habe ich mich seit dem Frühjahr deswegen mehrfach an die indische Botschaft gewandt, und auch einen Brief an den Premierminister geschickt. Der Grünen-Abgeordnete Josef ­Winkler, dessen Mutter aus Indien stammt, ist Vorsitzender der deutsch-indischen Parlamentariergruppe und Sprecher für Kirchenpolitik und ­interreligiösen Dialog seiner Fraktion. Foto: Benjamin LassiweUnser Eindruck ist, dass die indische Bundesregierung in Orissa zu lange gleichgültig weggesehen hat, und es zu lange der dortigen Landesregierung überlassen hat, einzuschreiten. Die aber hat es versäumt, mit der nötigen Härte einzuschreiten. Mittlerweile hat ja selbst der Oberste Gerichtshof Indiens angeordnet, dass die Bundesregierung paramilitärische Truppen nach Orissa schicken muss, um die Christen zu schützen.

Was sagt das über Indien aus?

Winkler: Seit vor einigen Jahren die Hindu-Nationalisten eine Zeit lang an der Bundesregierung in Neu-Delhi beteiligt waren, sind die Religionskonflikte in Indien wieder im Aufflackern, nachdem sie lange Zeit nur örtlich ­begrenzt vorhanden waren. Es ist eine wesentliche Aufgabe der indischen Bundesregierung, diese Konflikte einzudämmen. Und man kann die Konflikte übrigens auch nicht darauf schieben, dass ausländische Christen in Indien missionieren: Es ist nämlich in erster Linie ein Ausdruck der sozialen Konflikte und Ungerechtigkeiten des Kastenwesens, wenn sich Menschen dem Christentum anschließen, in dessen Verständnis nun einmal alle Menschen gleich sind.

In Orissa und anderen Bundesstaaten gibt es trotzdem Gesetze, die sich gegen die Konversion zum Christentum richten.

Winkler: Ich empfinde diese Gesetze als sehr beunruhigend. Die Glaubensfreiheit gehört zu den Menschenrechten dazu, und sie enthält auch die Freiheit, die eigene Religion zu wechseln. Gesetze, die den Religionswechsel unter Strafe stellen, sind mit den Menschenrechten nicht vereinbar. Natürlich muss man sich fragen, ob es aus Sicht der Christen, die ja schon seit dem ersten Jahrhundert in Indien vertreten sind, hilfreich ist, wenn evangelikale Missionare aus Europa und den USA kommen, um neue Gemeinden zu gründen. Aber das Recht auf Religionswechsel darf deswegen nicht eingeschränkt werden.

Was sollte die deutsche Außenpolitik an dieser Stelle unternehmen?

Winkler: Wir müssen in unseren Gesprächen mit Indien, etwa dem EU-Indien-Dialog, dieses Thema ansprechen, und wir werden das auch tun. Wir pflegen zu Indien gute Wirtschaftsbeziehungen, aber Beziehungen sind immer mehr als reine Wirtschaftskontakte. Für mich persönlich werfen die Vorkommnisse in Orissa einen Schatten auf unsere Beziehungen zu Indien, so wie damals ein Schatten auf den Beziehungen lag, als in Mügeln nach einem Volksfest eine Hetzjagd auf acht Inder stattfand. Als Christen, die wir in einem mehrheitlich christlichen Land leben, darf es uns einfach nicht egal sein, wenn anderswo auf dieser Welt tausende Menschen wegen ihres Glaubens auf der Flucht sind.

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