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JOSEF WINKLER, MdB
15.09.2010: 

Thilo Sarrazin schadet der Integration

Ein willkürlich gemischter Zahlensalat, haltloses Schwadronieren über Gene, vererbte Intelligenz und Aussterben der Deutschen: Thilo Sarrazins Problembeschreibungen haben schwere Schlagseite nach rechtsaußen. Lustvoll jongliert er mit rassistischen Ressentiments. Neues hat er aber nicht zu bieten.

Seine Vorschläge für Problemlösungen muss man mit der Lupe suchen.
Richtig ist, es gibt Integrationsprobleme: Die Arbeitslosenquote, das Armutsrisiko und die Zahl der SchulabgängerInnen ohne Abschluss liegen bei MigrantInnen jeweils doppelt so hoch, wie bei alt eingesessenen Deutschen. Diese Fakten sind seit Jahren bekannt. Und sie sind Ansporn für Viele, gerade auch für uns Grüne, diese Zustände zu verändern. Thilo Sarrazin jedoch lädt die Verantwortung einseitig bei muslimischen Migranten ab.


Der erste gravierende methodische Fehler bei Thilo Sarrazin ist seine Undifferenziertheit:
Er wirft alle Muslime weltweit in einem Topf. Diese sind aber – von Marokko bis Indonesien – alles andere als eine soziologische oder kulturelle Einheit.
Thilos Sarrazins Blick ist rein defizitorientiert. Integrationsanstrengungen und Integrationserfolge von ZuwanderInnen - gerade auch von denen aus muslimischen Herkunftsländern - unterschlägt er. So sät man Misstrauen und Vorurteile. Wir weisen nur auf zwei Fakten hin:

Gerade die bereits länger in Deutschland lebenden MigrantInnen mit türkischem Hintergrund sind die mit weitem Abstand größte Freiwiligengruppe in den Integrationskursen!

Die Nutzung von Bildungsangeboten durch Menschen mit Migrationshintergund nimmt gerade in den Ballungsräumen deutlich zu - insbesondere über den Zweiten Bildungsweg.


Trotz aller Untergangsstimmung schreibt Sarrazin: „Wer bereits da ist, ist willkommen“. Nur, im Hinblick auf eine bessere Integrationspolitik hat er nichts, aber auch gar nichts anzubieten! Seine Vorschläge sind entweder inhaltlich äußert dürftig (zum Beispiel Schuluniformen), oder sie sind längst Realität (Deutschkurse für arbeitslose MigrantInnen).


Hingegen: Wir Grüne haben ein Konzept aufeinander aufbauender Integrationsmaßnahmen. Wir schlagen einen Integrationsvertrag vor, in dem sich die aufnehmende Gesellschaft und MigrantInnen verpflichten, alles zu tun, um sozialen Aufstieg zu ermöglichen und damit ZuwanderInnen sich so bald als möglich einbürgern können.


Davon ist Sarrazin Lichtjahre entfernt. Gerade in integrationspolitischer Hinsicht ist sein Buch ein Armutszeugnis.
Sarrazins Verhalten ist nicht nur gegenüber der muslimischen Minderheit sondern auch gegenüber der gesamten Öffentlichkeit in Deutschland verantwortungslos: Sarrazin zeichnet ein grandioses Untergangsszenario mit einem Zahlenwust, dessen Seriosität der Einzelne kaum nachprüfen kann. Lösungen bietet er aber eben nicht an. PolitikerInnen werden als „liberale Gutmenschen“ abgekanzelt – die nur aktiv würden, um ihn - den „mutigen Klartext-Politiker“ - mundtot zu machen.


Damit vergrößert Sarrazin nicht nur die vorhandene Verunsicherung vieler Menschen gegenüber den hier lebenden MigrantInnen bzw. Muslimen. Nein, indem er keine integrationspolitischen Lösungswege aufzeigt, verstärkt er bei den ohnehin verunsicherten Menschen das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht – ein gefährlicher Nährboden für rechte Stimmungsmache.

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