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JOSEF WINKLER, MdB
22.03.2012: 

„Noch lange kein Widerstandskämpfer“

Leserbrief von Josef Winkler in der Rhein-Lahn-Zeitung Bad Ems

Abgeordneter Josef Winkler (Bündnis 90/Die Grünen) reagiert auf den Leserbrief von Karl-Heinz Schönrock „Er bewies Zivilcourage“.

Beim Vorwurf des nicht korrekten Zitierens steht man als Politiker heute ja zu Recht unter genauer Beobachtung der Öffentlichkeit, daher noch einmal ein Versuch mit der ursprünglichen Quelle.

Es bleibt aber bei kurzen Zitaten, da das Original 14 Seiten umfasst, in denen unter anderem die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler elegisch gefeiert wird und berichtet wird, wie die „Zöglinge“ begeistert das Deutschland- und das Horst-Wessel-Lied singen sowie „freudig“ in das „Siegheil“ auf das neue Deutschland einstimmen.

Die Quelle ist der 82. Jahresbericht (1. April 1932 bis 31. März 1933) der Heilerziehungs- und Pflegeanstalt Scheuern bei Nassau an der Lahn (Erstattet gelegentlich des Jahresfestes am 17. September 1933 von dem Anstaltsleiter).

Vier kurze, aber nicht sinnentstellend ausgesuchte Zitate:

[...] „Umso mehr begrüßten wir den Tag, an dem der Herr Reichspräsident die Stimme des Volkes hörend, dem Mann des Volkes Adolf Hitler die Führung und damit den Neuaufbau des deutschen Volkslebens übertrug.“ [...]

„Wie freudig begrüßten wir, die wir seit 83 Jahren an den geistesschwachen und epileptischen Menschenkindern nach dem Auftrag unseres Heilandes arbeiten, die rassepflegerischen Maßnahmen unseres Führers, die der Auftakt sind, die Übel von den Wurzeln zu bekämpfen.“ [...]

„Deshalb begrüßen wir das Gesetz über die Sterilisierung, das heißt Unfruchtbarmachung zum Zwecke der Verhütung erbkranken Nachwuchses, an dessen Grundlagen wir mit unseren Erfahrungen mitbauen durften.“ [...]

[...] „So stehen wir zum Dienst bereit, Handlanger zu sein am Bau des neuen, des Dritten Reiches.“

Unterzeichnet von „Karl Todt, Hausvater und Direktor“.

Besondere Zivilcourage scheint mir für die Abfassung eines solchen Berichtes nicht erforderlich gewesen zu sein.

Es geht mir aber auch nicht um ein abschließendes Urteil über Herrn Todt, die Berichte über seine „guten“ Taten sind mir vertraut, und ich habe sie mit Interesse gelesen. In einer Diktatur gibt es immer verschiedene Grade der Anpassung, und womöglich hat die Freude Todts über die NS-Diktatur mit der Zeit nachgelassen. Nur: Wer die Akten der Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse nachliest, wird mit Erstaunen feststellen, dass auch die schlimmsten Naziverbrecher ausgewählte „Wohltaten“ an Juden oder anderen Verfolgten zu ihrer Verteidigung vorzuweisen hatten. Deshalb sind sie aber noch lange keine Widerstandskämpfer gewesen und werden auch zu Recht nicht geehrt.

Wer nun sagt, dass solche Zitate so schlimm doch nicht seien, entwertet den Mut und den Einsatz derjenigen, die sich dem System entschlossen entgegengestellt haben und dafür oftmals einen hohen Preis bezahlen mussten.

Josef Winkler, Bad Ems


(Rhein-Lahn-Zeitung Bad Ems vom Donnerstag, 22. März 2012, Seite 25)

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